Samstag 25. Oktober 2025 - Samstag 01 November 2025

Kreta Tour 2025

Kreta auf zwei Rädern – göttliche Kurven, stahlblauer Himmel und kaum Verkehr. Vom Frangokastello über die Idäische Grotte bis zur Abfahrt nach Chora Sfakion: Unsere Tour vom 25. Oktober bis 1. November 2025 war pures Bikervergnügen!

Zeus war ein Biker

Wir kamen gerade eben zurück von unserer ersten Tour auf Kreta, die uns zum historischen Frangokastello auf der Südseite der Insel geführt hatte. Bevor wir die Motorräder ausschalten konnten, kam schon der Hotelchef Stavros auf uns zu, war begeistert von unseren Harleys und flüsterte mir halb englisch, halb deutsch in´s Ohr: „Zeus was a Motorradfahrer.“ Na dann kann ja nix mehr schief gehen auf Kreta.

Wir hatten die erste Tour zum Eingrooven auf Kreta gedacht, also mit 130 km eine relativ kurze Strecke. „Viel zu kurz“, höre ich da schon wieder so manchen „iron butt“ tönen. Doch 130 km auf sehr kurvigen kretischen Landstraßen sind nicht zu unterschätzen und bergen so manche fahrerische Herausforderung. Zum Beispiel die Serpentinen von Kallikrati. Steil, eng, ohne Leitplanken, inmitten einer betörend schönen Landschaft, die es uns Allen schwer macht, den Blick auf die Straße zu fixieren. Als wir unten am venezianischen Kastell aus dem 13. Jahrhundert angekommen sind, höre ich doch so manchen Biker durchschnaufen. Eine wichtige Erfahrung also gleich am Anfang. Kreta ist für ungeübte Fahrer nur bedingt geeignet. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass sich fast alle Gäste erstmal im Café gegenüber des Frangkastello beim Cappuccino entspannen.

Nach der Tour sind alle Gäste wieder wohlbehalten und glücklich am Hotel. Blauer Himmel, spektakuläre Landschaft und sensationelle Straßen. Bikerherz, was willst Du mehr? Und dann fallen wir in die Hände unseres Hotelchefs, der alle gleich mal zu seiner Party einlädt. Was feiern wir denn? „70sten Geburtstag of my Motorrad“, ruft er uns zu. Dass es gleichzeitig auch sein eigener 70ster Geburtstag ist, erfahren wir erst nach einigen kretischen Tsikoudia, die wir so gastfreundlich serviert bekommen, dass keiner ablehnen kann. Das Geburtstagsmotorrad steht derweil lässig auf dem Hof, eine Einzylinder-BMW, Baujahr 1955.

So, so … Zeus soll also ein Biker gewesen sein. Göttervater Zeus steht in der griechischen Mythologie für Macht, Ordnung und Gerechtigkeit, galt als Herrscher über die Welt, war zuständig für Wetter und Donner und wurde stets dargestellt mit Adler, Blitz und Thron. Soweit passt das alles bestens zu unseren Harleys.

Am nächsten Tag setzen wir uns also auf unseren Thron namens Harley, lassen es blitzen und donnern und starten unsere nächste göttliche Tour sinnigerweise zur Idäischen Grotte, der Legende nach die Geburtshöhle von Zeus. Wir schrauben uns von der Nordküste hoch ins Gebirge, aus der Ferne grüßt der Psiloritis, mit 2.456 m Höhe der höchste Berg Kretas. Ganz so hoch fahren wir nicht, aber bis zur Idäischen Grotte schaffen wir immerhin 1.300 Höhenmeter. Und das auf sensationellen Straßen, kurvig, guter Asphalt, beeindruckende Landschaft, die Fahrzeuge, die uns auf ca. 50 km begegnen, können wir an zwei Händen abzählen. Kurzum: pures Bikervergnügen. Im Bergdorf Anogia, dem Inbegriff der kretischen Heimatliebe und des Widerstandwillens der Kreter, machen wir Mittagsrast. Und wieder staunen wir über die umwerfende Gastfreundschaft, hätten die Bewohner von Anogia doch allen Grund, uns Deutsche misstrauisch zu beäugen. Schließlich hat die deutsche Wehrmacht 1943 das gesamte Dorf platt gemacht und ein Massaker an der Bevölkerung verübt. Doch die kretische Gastfreundschaft lässt auch bei uns keinen Gedanken an diese Greueltaten aufkommen. Auf dem Weg zurück gleiten wir entspannt zur Nordküste runter, finden noch Zeit für einen Kaffee im kleinen Fischerort Bali und sind beim „Feierabend-Bierchen“ im Hotel einer Meinung: Es könnte durchaus was dran sein, an dieser Theorie, dass Zeus ein Biker war. Zumindest muss er bei der Straßenplanung an uns kurvengeile Harley-Halbgötter gedacht haben.

Am nächsten Morgen lacht schon wieder die Sonne, die Ende Oktober zuverlässig garniert wird mit stahlblauem Himmel. Während Deutschland im herbstlichen Schmuddelwetter versinkt, kurven wir in Jeans und T-Shirt auf Kreta rum. Gegen so einen Saisonabschluss kann keiner Einwände vorbringen. Also rauf auf´s Mopped. Das nächste Ziel heißt „Aradena“. Um diese spektakuläre Schlucht, die mit einer Tiefe von 138 m zu einer der höchsten Bungee-Jumping-Schluchten Europas gehört, zu erreichen, müssen wir einmal quer über die Insel und vor allem die berühmte Abfahrt nach Chora Sfakion runter. Diese Serpentinen sind ganz einfach ein Erlebnis. Breit ausgebaut, exzellenter Asphalt, sauber gezirkelte Kurvenradien, ein Panorama, das zu Freudentränen rührt und, wie üblich im Oktober auf Kreta, kaum Verkehr. Das Bungee-Jumping an der Aradena-Brücke hat zwar den Betrieb bis zum Frühjahr eingestellt, aber es wär ja eh keiner gesprungen, nicht mal die harten Jungs und Mädels in Leder und Tattoo. Die Fahrt über die klapprige Holzbrücke bringt aber schon genügend Adrenalin in die Adern. Abends am Hotel stehen 200 km auf der Uhr und das Kurvenlevel erreicht  100 %.

Der nächste Tag lässt uns wieder in die griechische Mythologie um Zeus eintauchen. Wir fahren nach Agia Galini, wo einst Dädalus und sein Sohn Ikarus in die Lüfte gestiegen sind. Hätte Ikarus halt mal auf seinen Vater gehört, der ihm sagte, er soll nicht so hoch fliegen, weil sonst seine Flügelkonstruktion in der Sonne schmilzt. Na ja, das Ende der Geschichte ist bekannt. Das Meer, an dem der junge Bursche abstürzte, heißt seitdem das Ikarische Meer. Bevor wir am farbenprächtigen Hafenbecken von Agia Galini ein exzellentes Mittagsmal zu uns nehmen, haben wir uns noch die prächtige Palmenbucht an der Preveli-Bucht und das dazu gehörende Kloster zu Gemüte geführt. Die Auslöser unserer Kameras liefen genauso heiß wie die Reifen unserer Maschinen, die mächtig viel Kurvenreibung aushalten müssen. Und am Kloster Moni Arkadi führt natürlich kein Weg vorbei, denn das muss man gesehen haben, um die Vergangenheit und Gegenwart der Kreter zu verstehen.

Unser 5 Sterne Hotel an der Nordküste, genau in der Mitte zwischen Heraklion und Chania gelegen, erweist sich als absoluter Glücksgriff. Nicht nur der Hotelstandort ist ideal, weil wir von hier aus in Schlagdistanz zu den schönsten Straßen und Landschaften Kretas sind. Das gesamte Hotelpersonal, angefangen bei der Leitung bis zum Servicepersonal, hat eine Riesenfreude an unserer Harley-Truppe. Allein schon beim Losfahren aus der Tiefgarage stehen die Zimmermädchen in Reih und Glied und zelebrieren eine La-ola-Welle. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass die Frau von Hotelchef Stavros zu uns kommt und ganz schüchtern fragt, ob sie und ein paar Mitarbeiterinnen auch mal auf unseren Harleys mitfahren dürften. Harleyfahren wäre doch so ein schönes Erlebnis. Ruckzuck stehen fünf Jungs mit ihren Maschinen am Hoteleingang. Fünf junge Damen mit Helm und geröteten Wangen erwarten uns. Wir haben dann mal schnell eine 40 km Tour unter die Räder genommen, konkret zum Kloster Moni Arkadi. Dass dieses Kloster das bedeutendste Nationaldenkmal Kretas darstellt, hat an diesem Tag niemand so richtig interessiert. Aber es muss dennoch erwähnt werden, dass sich hier fast 1.000 Kreter, Frauen, Männer und Kinder, am 9. November 1866 selbst in die Luft sprengten, um nicht den anstürmenden Türken in die Hände zu fallen.

Am letzten Fahrtag steht noch einmal Geschichtliches im Tourbook, aber hübsch verpackt in eine erstklassige Abschlussrunde zur Theriso-Schlucht. Die enge Schlucht mit steil aufragenden Wänden ist mal echt malerisch, leichtes Kurvengeschlängel begleitet von Ziegenherden oder herunter gestürzten Gesteinsbrocken. Im Dorf Theriso hatte einst Elefterios Venizelos sein Hauptquartier. Er war der maßgebliche Politiker, der den Anschluss Kretas an das Mutterland Griechenland erreichte. Wir nehmen uns mitten im kleinen Dorf Zeit, um einen Kaffee zu schlürfen und über die Geschichte Kretas nachzudenken. Auf dem Rückweg müssen wir ausweichen, denn ein Generalstreik der Bauern hat die Autobahn bei Chania lahm gelegt. Wir fahren auf der Parallelstraße an einem Streikposten vorbei und sind bass erstaunt über die Sitten und Gebräuche der Kreter. Hunderte Bauern in schwarzen T-Shirts bauen einfach mal eine kleine Zeltstadt mitten auf der Autobahn auf, grillen über einem Holzfeuer irgendein Tier mit mächtig viel Fleisch dran und ein paar Meter weiter zünden sie einen Reifenstapel an. Was die Bauern mit dieser Art des Streiks politisch erreicht haben, wissen wir nicht. Aber sie haben definitiv erreicht, dass die Fahrbahn der Autobahn grundlegend erneuert werden muss. Die letzte Etappe dieser Kreta-Reise führt uns zu Kanakis Ölmühle. Adonis, der Enkel des Firmengründers, nimmt sich Zeit für eine kleine Führung durch die Produktionsstätte und lässt uns natürlich auch sein leckeres Olivenöl verkosten.

Zeus hatte also schon seine Gründe, warum er Kreta zu seiner Lieblingsinsel machte. Kurven, Kultur und Kulinarik. Das ist Kreta, die Insel für göttliche Biker.